Ohne These

Normalerweise geht ein Wissenschaftler mi einer These an eine Fragestellung. Der Naturwissenschaftler geht zum Beispiel davon aus, dass eine bestimmte Reaktion eintritt, wenn dieses oder jenes passiert. Der Soziologe oder auch der Wirtschaftswissenschaftler, zumindest in Teilen dieser Disziplin, stellt eine These auf und überprüft diese durch Umfragen, statistische Auswertungen und so weiter.

Dies unterscheidet die meisten wissenschaftlichen Disziplinen von der Ethnologie. Denn die Ethnologen stellen meist keine These ihrer Forschungsarbeit voran. Sie beobachten zuerst und ziehen dann ihre Schlüsse. bottom-up verus top-down also, wobei top-down die mit Thesen gestützte Herangehensweise darstellt.
Die Datenerhebung steht demnach am Anfang. Natürlich geht man mit Vorstellungen “ins Feld”. Das macht kein Mensch, der sich auf etwas vorbereitet. Aber die Herangehensweise ermöglicht es, den Fokus nicht auf einen bestimmten Sachverhalt zu legen, sondern auch dem nachzugehen, was unerwartet auf einen zukommt.

Um noch einmal die Unterschiede in der Datenerhebung hervorzuheben:

top-down

top-down Methoden basieren darauf, den Fokus auf einen bestimmten Sachverhalt zu legen und diesen zu untersuchen. Dadurch werden sozusagen die Erkenntnisse am Wegesrand zwar wahrgenommen, aber nicht weiter in der Studie verfolgt. Vielleicht bilden sie aber die Grundlage einer neuen Studie.

bottom-up

bottom-up heißt dementsprechend, dass man Daten im Feld erhebt, sich aber auch auf die neuen Erkenntnisse fokussieren kann. Der Fokus kann sich also verändern und man kann neuen Erkenntnissen nachgehen.

Ein weiterer Vorteil der Ethnologie ist, dass sie eine holistische Sichtweise bevorzugt. Linguisten betrachten die Sprache, Soziologen die Gesellschaft, Religionswissenschaftler die Religion und Wirtschaftswissenschaftler die Wirtschaft. Ethnologen versuchen die Zusammenhänge zwischen diesen Aspekten zu entdecken.
Wenn also ein Wirtschaftswissenschaftler einer These nachgeht, betrachtet er gemäß der top-down Methode nur den wirtschaftlichen Aspekt. Analog dazu die Linguisten, die Soziologen und so weiter. Natürlich sind diese Grenzen zwischen den Disziplinen für allseits interessierte Wissenschaftler mehr als fließend.
Wenn man jetzt die holistische Sichtweise und die bottom-up Methode zusammen bringt, kann es durchaus sein, dass eine Fragestellung mit hauptsächlichen soziologischem Charakter in das linguistische oder das wirtschaftliche Terrain abgleitet. Eben weil die Ethnologie eine holistische Wissenschaft ist.

Eine solche Herangehensweise kann durchaus nützlich sein. Zum Beispiel in der Trendforschung, vor man neue Dinge entdecken will, sie aber noch nicht kennt. Oder aber in der Marktforschung, wenn man den Umgang des Konsumenten mit einem Produkt im Alltag untersuchen will. Dabei beschreibt man dann diesen Umgang mit dem Produkt und bedient sich dann meist der ethnographischen Marktforschung. Ähnliches kann man im Unternehmen durchführen, wenn man dessen Kultur beschreiben will, um etwaige Probleme zu indentifizieren und lösen zu wollen. Ethnographie, neben der teilnehmenden Beobachtung, ist die klassischste aller ethnologischen Methoden – es ist die Völkerbeschreibung an sich und geht schon auf Herodot zurück.

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